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Die Anfänge - London 1887


Am 26. September wurde in den weiten Räumen des Geologischen Museums in London der erste Intersteno-Kongress eröffnet. Er ging auf eine Idee von Sir John Westby Gibson zurück, des 300-jährigen Bestehens der "modernen Kurzschrift" zu gedenken, und so kamen 400 Teilnehmer eine Woche lang zusammen, um über die Kurzschrift in Parlamenten und an Gerichten sowie über ihren Einfluss auf den Bildungsbereich und die Perspektiven von Frauen zu diskutieren.

Der Bericht umfasste die Reden und die darauffolgenden Debatten; leider enthält er keine Fotos.

1887 hatte Marconi sein Radio noch nicht erfunden, das Telefon war ein geheimnisvoller Gegenstand, die Autokonstrukteure taten ihre ersten Schritte, und das Maschinenschreiben war ein Kuriosum, dem man misstrauisch begegnete und das noch auf Handwerksebene ablief.

Fähige Stenografen gewährleisteten die Protokollierung der parlamentarischen Debatten und ihre Verbreitung über die Zeitungen, die die Texte telegrafisch erhielten - dem Hauptübermittlungsweg für Nachrichten.

Der Begründer des Kongresses brachte in seiner Eröffnungsrede die Hoffnung zum Ausdruck, dass der Kongress keine einmalige Veranstaltung bleibe, sondern eine lange Tradition begründen möge. Aus dem Bericht geht zwar nicht hervor, dass das gute Essen und Trinken auf dem Kongress sehr zu diesem Ziel beitrugen, aber die Entscheidung, diese Veranstaltung fortzuführen, verfestigte sich und war der Beginn einer Tradition, die bis heute zum 48. Kongress geführt hat, der in Paris stattfindet, und auch den nächsten, der für das Jahr 2013 in Gent (Be) geplant ist, einschließt.

Übersetzung Petra Dischinger

Wir danken Helene Matouskowa für die beigefügte Aufstellung mit den Namen der "Gründer" von Intersteno, die an diesem ersten Kongress teilnahmen.


DIE BISHERIGEN GENERALSEKRETÄRE DER INTERSTENO


Marcel Racine

Marcel Racine ist für die Geschichte der europäischen und internationalen Stenografie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die wichtigste Persönlichkeit.

Die Aktivitäten der Intersteno nahmen 1887 in London ihren Anfang, wurden aber durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen. 1954 war es das Ziel von Marcel Racine, die Intersteno wiederzubeleben. Dazu nahm er Kontakt mit mehreren Ländern auf und lud führende Personen zu einem großen Symposium nach Mount-Pelerin in die Nähe des schweizerischen Vevey ein. Ab diesem Zeitpunkt fand meist im zweijährigen Rhythmus ein großer Intersteno-Kongress statt.

1954 hatte Marcel Racine das Amt des Generalsekretärs der Intersteno inne, das er ohne Unterbrechung 28 Jahre lang bekleidete. Er war der Hauptorganisator und ein begeisterter Verfechter von Intersteno. In seiner Amtszeit vergrößerte sich der Verband sehr stark: Zunächst zählte er zehn Mitgliedsländer, kurz darauf schon 25 und später 32 Länder, zu denen einige der größten der Welt zählen.

„Für Kurzschriftbegeisterte war Marcel Racine die unumstrittene Führungspersönlichkeit in der Welt der Stenografie." So beschrieb es Flaviano Rodriguez, Ehrenpräsident der Intersteno, nach dem Tod von Marcel Racine. Rodriguez erinnerte dann daran, dass Racine seine zahlreichen Kontakte zu den Kurzschriftorganisationen der verschiedenen Länder sowie ihren Mitgliedern immer pflegte und erweiterte, nicht zuletzt dank seiner umfangreichen Fremdsprachenkenntnisse, vor allem im Italienischen, und so nicht nur zwischen den Verbänden, sondern auch auf einer persönlichen Ebene gute Beziehungen bestanden. Viele dieser Kontakte begründeten enge Freundschaften. Für Marcel Racine war die Stenografie sein größtes Hobby, dem er seine Freizeit widmete, wobei ihn seine Frau Roselyne tatkräftig unterstützte. Das Engagement des Ehepaars Racine war faszinierend, uneigennützig, freiwillig und großzügig; ihr einziges Ziel war es, zur Verbreitung und Förderung der Stenografie beizutragen.

Durch diese Leidenschaft, gepaart mit großer beruflicher Erfahrung aus seiner diplomatisch-militärischen Laufbahn, wurde Marcel Racine das Sprachrohr und der Repräsentant einer großen Gruppe von Stenografen, die er so vereinen konnte.

Aus den Zeilen von Flaviano Rodriguez erfahren wir auch, dass Marcel Racine an allen internationalen Zusammenkünften der Intersteno teilnahm, auch wenn sein Gesundheitszustand es nicht zuließ, 1993 beim Intersteno-Kongress in Istanbul dabei zu sein.

Marcel Racine bat Flaviano Rodriguez und seine Frau im September 2003 noch um ein Treffen in Lugano. Dort wollten er und seine Frau ihren 55. Hochzeitstag und seinen 80. Geburtstag feiern. So verbrachten sie zwei Tage in angenehmer Gesellschaft und vergaßen die Schmerzen, die ihn quälten, die er sich aber nie anmerken ließ; er war so lebhaft und fröhlich wie immer. Ein wundervoller sonniger Tag fand seinen krönenden Abschluss in dem Besuch der Madonna del Sasso in Orselina. Es war ein unvergesslicher Tag, nicht nur wegen des außergewöhnlichen Panoramas, sondern auch wegen der Freundschaft, die ihm für seine allerletzte Reise Kraft gab.

Flaviano Rodriguez schließt mit den Worten: „So fand meine Verbindung zu Marcel Racine nach 40 Jahren ein Ende. Diese Verbindung wird aber fortbestehen, weil ich seine Freundschaft in Ehren halten werde. Ich bin ihm von Herzen dankbar für die vielen Erlebnisse, die wir miteinander geteilt haben."

Übersetzung Petra Dischinger


Karl Gutzler

72 Jahre alt ist der Generalsekretär der Intersteno  Ministerialrat a.D. Dr. Karl Gutzler geworden. 20 Jahre lang hat er das Amt des Generalsekretärs. Sein Leben war eng mit der Stenografie verbunden. 

1947 legte er das Abitur in seiner Heimatstadt Mannheim ab.  Seine Fertigkeit in Kurzschrift, die er als Zwölfjähriger erlernt hatte, führte dazu, dass er 1948 beim Deutschen Stenografentag in Karlsruhe (es war der erste  nach dem Krieg) 200 Silben schrieb. Als Stadtstenograf war er in Mannheim tätig und trat im Mai 1951 als Anwärter in den Stenografischen Dienst des Deutschen Bundestages ein. Gleichzeitig studierte er in Bonn Volkswirtschaft und  promovierte 1956 zum Dr.rer.pol.

1990 wurde er als Nachfolger von Fritz Klein Leiter des  Stenografischen Dienstes und trat im Oktober 1992 nach über 41jähriger Tätigkeit im Bundestag in den Ruhestand.

Dr. Karl Gutzler hat sich immer auch für seine Kollegen  eingesetzt, so war er auch im Vorstand des Verbandes der Parlaments- und  Verhandlungsstenographen mehr als 40 Jahre, davon 25 Jahre als Schatzmeister und  dann 16 Jahre lang als dessen Vorsitzender.Nach der Wiedervereinigung 1990  sollten auch die Kollegen aus der früheren DDR integriert werden. Das gelang dann auch. Dr. Gutzler forcierte auch den Beitritt des Verbandes in den Deutschen Stenografenbund. Das geschah dann im Jahre 1991.

Dr. Gutzler und die INTERSTENO das ist eine lebenslange  Gemeinschaft. Schon seit 1961 war er im Vorstand der Landesgruppe Deutschland  und von 1973 bis 1981 deren Generalsekreätr. Beim Kongress 1979 in Belgrad  leitete er die internationale Kurzschriftjury und war auch der Veranwortliche für den ersten internationalen Mehrsprachenwettbewerb. Der 34.Interstenokongress  1981 in seiner Heimatstadt Mannheim trug seine Handschrift. Er bereitete den Kongress massgeblich vor und war für die erfolgreiche Durchführung mit  verantwortlich. Bei diesem Kongress wurde Dr. Gutzler zum Generalsekretär der Föderation geäwählt.

Dr. Gutzler war einer der anpackte. Sein Amt in der Intersteno füllte er 20 Jahre lang in einer Art und Weise aus, die nur zu bewundern ist. Immer im Dienst der Sache. Er konnte auch immer seine Aufzeichnungen zu Rate ziehen. Er brauchte keinen Schriftführer - er schrieb immer mit, wenn andere diskutierten. So war er in der Lage aus einem riesigen Fundus seiner Protokolle und Papiere bei passenden Gelegenheiten zu schöpfen.

Der Schreiber dieser Zeilen hat Dr. Gutzler als einen Mann kennengelernt, der jeweils gründlich vorbereitet zu Vorstandssitzungen kam, der  es immer fertig brachte die rund 2 Dutzend Landesgruppen unter einen Hut zu bringen. Und er schaffte das mit seiner ausgleichenden ruhigen aber doch temperamentvollen engagierten Art, der sich niemand entziehen konnte und auch gar nicht wollte.

Für den 43. Interstenokongress ab 28. Juli 2001 in Hannover  hatte er auch einiges an Arbeit übernommen. Bis zum letzten Tag war er in  Gedanken bei dieser von ihm zu erledigenden Arbeit. Im Krankenhaus vermisste er seinen Schreibtisch. Und er beschrieb immer noch in seiner korrekten Kurzschrift viele Zettel, die auf seinem Krankenbett wie Blätter im Herbst auf dem Boden  lagen. Niemand konnte ihm ausreden, das doch nun andere machen zu lassen, auch seine liebe Frau Gisela nicht, die ihn so aufopfernd betreute. In ihrem Arm nahm ihm ein anderer die Feder aus der Hand.

In den Morgenstunden des 8. Juli 2001 ging ein erfülltes Leben zu Ende.

Auch die Stenografen vieler LÄnder werden ihn vermissen. Er fehlt uns.

Gregor Keller

Ehrenpräsident der INTERSTENO